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  Chinesische Märchen und Sagen

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Kureha
Viera
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Anzahl der Beiträge : 226
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Alter : 34

BeitragThema: Chinesische Märchen und Sagen    So März 03, 2013 7:36 pm

Die acht Unsterblichen

Es geht die Sage, daß im Himmel acht Unsterbliche wohnen. Der
erste heißt Dschung Li Küan. Er lebte zur Zeit der Han-Dynastie und
fand den großen Zauber des Goldzinnobers (Stein der Weisen).
Er konnte Quecksilber schmelzen und Blei verbrennen und
sie verwandeln in gelbes Gold und weißes Silber. Er konnte leibhaftig durch die Luft fliegen.
Er ist das Haupt der acht Unsterblichen.
Der zweite heißt Dschang Go. Er erlangte geheimen Sinn in uralten
Zeiten. Es heißt, er sei eigentlich eine weiße Fledermaus gewesen, die
sich in einen Menschen verwandelt habe. Im Beginn der Tang-Dynastie sah
man in Tschang An einen weißbärtigen Greis mit einer Bambustrommel auf
dem Rücken umgekehrt auf einem schwarzen Esel reiten. Er schlug die
Trommel und sang. Er nannte sich selbst
den alten Dschang Go. Eine andere Sage berichtet von ihm, daß er stets
ein weißes Maultier bei sich gehabt, mit dem er tausend Meilen in einem
Tage habe zurücklegen können. Wenn er an seinem Bestimmungsort
angekommen war, faltete er es zusammen und steckte es in seinen Koffer.
Wenn er es wieder brauchte, so spritzte er mit seinem Munde Wasser darauf,
und das Tier erhielt wieder seine ursprüngliche Gestalt.
Der dritte heißt Lü Yüan oder Lü Dung Bin (Lü = der Fels oder der Höhlengast).
Er hieß eigentlich Li und gehörte zum Geschlecht der regierenden Tang- Dynastie.
Als aber die Kaiserin Wu den Thron an sich riß und
die Familie Li fast bis auf den letzten Mann ausrottete, da floh er mit
seiner Frau ins tiefe Gebirge. Sie änderten ihren Namen in Lü,
und weil sie in Felsenhöhlen versteckt wohnten, nannte er sich Fels oder Höhlengast.
Er lebte von der Luft und aß kein Brot. Und mit der Zeit erlangte er geheimen Sinn.
Doch war er dem Weine zugetan und
liebte die Blumen. In Lo Yang, der Hauptstadt, blühten die Päonien
besonders üppig. Da war eine Blumenfee, die verwandelte sich in ein
hübsches Mädchen, und Höhlengast, als er
nach Lo Yang kam, trank Wein mit ihr zusammen. Da kam plötzlich der
gelbe Drache, der sich in einen schönen Jüngling verwandelt hatte. Der
spottete über die Blumenfee. Höhlengast wurde wütend und
schleuderte sein fliegendes Schwert nach ihm, das ihm den Kopf
abschnitt. Von jener Zeit ab fiel er wieder zurück in die Welt der
Sinnlichkeit und des Todes. Er sank herunter in den Staub des Alltags und
vermochte sich nicht mehr in die Höhe zu schwingen. Später begegnete er
dem Dschung Li Küan, der ihn erlöste. Da ward er in die Reihen der
Unsterblichen aufgenommen. Sein Schüler war der Weidenelf. Das war ein
alter Weidenbaum, der die feinste Kraft der Strahlen von Sonne und Mond in sich aufgesogen
und dadurch es fertiggebracht hatte, Menschengestalt zu erlangen. Er ist blau im Gesicht und hat rote Haare.
Höhlengast nahm ihn als Lehrling auf. Die Kaiser und Könige späterer Zeit verehrten Höhlengast als Ahn und Meister
der reinen Sonne. Das Volk nennt ihn Großvater Lü. Er ist sehr weise und mächtig. Drum strömen
die Leute noch heute in die Tempel des Großvaters Lü, holen sich Losorakel und
bitten um Glück. Wenn man bei einer Unternehmung wissen will, ob man
Glück oder Unglück haben wird, so geht man in den Tempel, zündet
Weihrauch an und neigt sich mit dem Kopf
zur Erde. Auf dem Altar ist ein Becher aus Bambus, in dem sich einige
Dutzend Losstäbchen befinden. Man schüttelt sie kniend, bis ein Stäbchen
herausspringt. Auf dem Stäbchen steht eine Nummer. Diese Nummer muß man
dann in dem Orakelbuch aufsuchen. Da findet sich ein vierzeiliges
Gedicht. – Es heißt, daß Glück und Unglück oft ganz merkwürdig so eintreffen, wie es das Orakel voraussagt.
Der vierte heißt Tsau Guo Giu (Tsau der Staatsoheim). Es war der
jüngere Bruder der Kaiserin Tsau, die eine Zeitlang die Regierung
führte. Darum nannte man ihn Staatsoheim. Von früher Jugend an liebte er
geheimen Sinn. Reichtum und Ehre waren ihm wie Staub. Dschung Li Küan verhalf ihm zur Unsterblichkeit.
Den fünften nennt man Lan Tsai Ho. Man kennt nicht seinen
eigentlichen Namen, nicht Zeit noch Geschlecht. Man sah ihn häufig auf
den Märkten in einem zerrissenen blauen Kleid und nur mit einem Schuh,
an ein Stück Holz schlagend und singend von der Nichtigkeit des Lebens.
Der sechste heißt Li Tiä Guai (Li mit der Eisenkrücke). In früher Jugend verlor er seine Eltern
und wurde aufgezogen im Hause seines älteren Bruders. Seine Schwägerin behandelte ihn schlecht und
gab ihm nie genug zu essen. Darum floh er ins Gebirge und lernte dort geheimen Sinn.
Einst kam er zurück, um nach seinem Bruder zu sehen, und sprach zu seiner
Schwägerin: »Gib mir etwas zu essen!«
Die Schwägerin sprach: »Es ist kein Brennholz da.«
Da sagte er: »Mach nur den Reis zurecht! Ich kann mein Bein als Brennholz brauchen; nur darfst du nicht sagen,
daß das Feuer mir was tut, dann schadets nichts.«
Die Schwägerin wünschte, seine Kunst zu sehen; darum schüttete sie
Reis in den Topf. Li streckte eines seiner Beine darunter und zündete es an.
Hell schlugen die Flammen empor, und das Bein brannte wie Kohle.
Als der Reis beinahe gar war, da sprach die Schwägerin: »Nimmt denn dein Bein nicht Schaden?«
Li sagte zürnend: »Ich habe dich doch gewarnt, daß du nichts sagen sollst,
dann hätte es nichts gemacht. Jetzt aber ist mein eines Bein gelähmt.«
Mit diesen Worten nahm er den eisernen Feuerhaken und machte sich daraus eine Krücke.
Er hängte einen Flaschenkürbis auf den Rücken und ging in die Berge,
um Arzneikräuter zu sammeln. Darum nennt man ihn Li mit der Eisenkrücke.
Eine andere Geschichte von ihm erzählt, daß er im Geiste häufig zu
seinem Meister Laotse in den Himmel hinaufstieg. Bevor er wegging,
befahl er einem Schüler, auf seinen Leib mit der Seele darin
aufzupassen, damit sie sich nicht zerstreue. Wenn sieben Tag vorbei
seien, ohne daß sein Geist zurückkehre, so könne er seine Seele in den
leeren Raum entweichen lassen. Unglücklicherweise wurde der Jünger nach
sechs Tagen an das Sterbebett seiner Mutter gerufen, und
als am Abend des siebenten Tages der Geist des Meisters zurückkam, da
war das Leben aus dem Körper schon gewichen. Da er so in seinem eigenen
Körper keine Wohnung mehr fand, benützte er in der Verzweiflung den
ersten Körper, der sich ihm darbot und
aus dem die Lebenskraft noch nicht zerstreut war. Es war dies der Körper
seines Nachbarn, eines lahmen Krüppels, der eben gestorben war, so daß
von da ab der Meister dessen Äußeres an sich hatte.
Der siebente heißt Han Siang Dsï. Er war der Neffe des berühmten
konfuzianischen Gelehrten Han Yü aus der Tang-Dynastie. Von frühester
Jugend an pflegte er die Künste der unsterblichen Götter, verließ sein
Haus und ward Taoist. Vom Großvater Lü wurde er erweckt und
in die himmlische Welt erhoben. Er rettete einmal seinem Oheim das
Leben. Dieser nämlich war von Hofe vertrieben worden, weil er sich
widersetzt hatte, als der Kaiser einen Buddhaknochen mit großem Pomp
einholen ließ. Als er auf seiner Flucht über den blauen Paß kam, hatte
tiefer Schnee die Wege ungangbar gemacht. Sein Pferd war in eine
Schneegrube gefallen, und er selbst war nahe daran zu erfrieren.
Da erschien ihm plötzlich Han Siang Dsï, half ihm und seinem Pferde heraus und brachte
ihn sicher nach der nächsten Herberge am blauen Paß. Han Yü sang ein Gedicht, in dem die Zeilen vorkamen:

In Wolken liegt der Tsin Ling-Berg.
Wie ist die Heimat, ach, so weit!
Schnee türmt sich um den blauen Paß.
Wer gibt dem Pferde das Geleit?

Da fiel ihm plötzlich ein, daß vor mehreren Jahren Han Siang Dsï nach
seinem Hause gekommen war, um ihm zum Geburtstag Glück zu wünschen.
Bevor er weggegangen war, hatte er diese Zeilen auf ein Papier
geschrieben. Der Oheim hatte sie betrachtet, ohne jedoch ihren Sinn zu
verstehen. Nun sang er selbst unbewußt diese Zeilen in dem Liede, das
sein Neffe gemacht hatte. Da sprach er seufzend zu Hang Siang Dsï: »Du
bist wohl ein Unsterblicher, daß du also die Zukunft voraus wußtest?«
Dreimal auch hat er versucht, seine Frau zu erlösen. Als er nämlich
von Hause weggezogen war, um des geheimen Sinns zu pflegen, da saß sie
den ganzen Tag da und hatte Heimweh nach
ihm. Han Siang Dsï wollte sie erlösen zur Unsterblichkeit; aber er
fürchtete, daß sie nicht fähig sei. So erschien er ihr in mancherlei
Gestalten, um sie zu versuchen, einmal als Bettler, ein andermal als
wandernder Bettelmönch. Aber seine Frau kam nicht zur Besinnung. Endlich
verwandelte er sich in einen lahmen Taoisten, der auf einer Matte saß,
den Holzfisch schlug und vor dem Hause Sutren las.
Seine Frau aber sprach: »Mein Mann ist nicht zu Hause, ich kann dir nichts geben.«
Der Taoist erwiderte: »Ich will nicht dein Gold und Silber, ich will dich selber. Setz
dich zu mir auf die Matte, dann fliegen wir in die Luft, und du siehst deinen Gatten wieder.«
Da wurde die Frau böse und schlug ihn mit dem Stock.
Hang Siang Dsï verwandelte sich in seine ursprüngliche Gestalt,
trat auf eine leuchtende Wolke und stieg in die Höhe. Das Weib
sah ihm nach und weinte laut; aber er blieb verschwunden.
Die achte der Unsterblichen war ein Mädchen und hieß Ho Siän Gu.
Sie war die Tochter eines Bauern. Ihre Stiefmutter behandelte sie hart;
dennoch blieb sie ehrfurchtsvoll und
fleißig. Sie liebte es, Almosen zu spenden; die Mutter aber hinderte
sie daran. Doch sie ward niemals zornig, auch wenn sie von ihrer Mutter
Schläge bekam. Sie hatte geschworen, sich nicht zu verheiraten, und
schließlich wußte die Mutter nicht mehr, was sie mit ihr tun sollte.
Eines Tages, als sie eben Reis kochte, da kam der Großvater Lü und
erlöste sie. Sie hielt den Kochlöffel noch in der Hand, während sie in
die Lüfte stieg. Sie ward im Himmel angestellt, um vor der südlichen
Himmelstür die abgefallenen Blumen aufzukehren.


[Asien: China. Märchen der Welt]
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